Der große Analytiker der Farbe, Josef Albers, konstatierte gegen Ende seines Lebens, dass er mit seinen Untersuchungen zur Farbe „immer noch nicht durch“ sei: Er wollte „immer neue Varianten wagen“. Und er wusste um die Vergeblichkeit seines Tuns: Die Erprobung seiner „Homages of the Square“ ließen sich an kein Ende bringen. Doch eigentlich war dies sein Wunsch. Jüngere Künstler heute, die Kunstgeschichte unseres Jahrhunderts vor Augen, suchen nichts Entgültiges, kein Ziel. Und sie machen statt dessen eine eher unbestimmte Fortbewegung zum Ziel zum Prinzip Ihrer Arbeit. Albert Borchart zum Beispiel (s.S. 28) experimentiert auf diese Weise mit der klassischen Landschaftsmalerei. Christiane Richter, quasi eine Albers-Urenkelin, begibt sich auf eine Abenteuerreise in die Unendlichkeit der Farbe.

Sie malt, auf kleiner Fläche, chromatische Verläufe. Sie untersucht, wie Farben sich unter bestimmten Bedingungen und formalen Kombinationen zueinander Verhalten. Was sie für räumliche Wirkungen entfalten. Welche Empfindungen sie hervorrufen. Wie sie sich im Dialog miteinander in ihrer Ausstrahlung verändern. Ein Spiel vor allem, aber ein ernstes Spiel. Die Reise endet mit keinem bestimmten Bild. Sie wird spannend, wenn viele Bilder sich reihen. Wenn auf diese Weise Querverbindungen der Farben und Farbformen entstehen: eine unendliche Vieldeutigkeit, Ruhezonen, spannungsvolle Partien, Stabiles und Instabiles. Man sieht, was man sieht. So will es das Spiel: In ein rotes Feld zackt eine blaue Fläche. Oder: Purpurrot, leicht abgeschrägt, trifft auf Karmin. Die Zahl der Möglichkeiten ist unendlich. Es geht darum, Wahrnehmungen leichthändig zu erproben. Gerade deshalb ist es nicht ohne Interesse, in der Sammlung der RAG beidem zu begegnen: Den klassischen Etüden des Altmeisters Albers. Und den chromatischen Übungen der Christiane Richter, Jahrgang 1963.

Ursula Bode