Leserichtungen, Lesearten, Leseaufgabe

 

Leserichtungen

 

Homogene monochrome Flächen, hart zusammengefügt mit chromatischen Verläufen, die einmal problemlos ein Rot ins Violett überführen, ein anderes Mal aber Abenteuer der Farbe zwischen Blau-Violett und einem getrübten Gelb-Grün zur Erscheinung bringen: In der von der äußeren Bildform suggerierten horizontalen Leserichtung kommt der vergleichende und um Synthese bemühte Blick nicht zur ruhe. Elf der hier vorgestellten fünfzehn neuen Arbeiten von Christiane Richter biegen die Leserichtung „bildimmanent“ um: Die chromatischen Teile etablieren die Vertikale, und die monochrome Farbfläche als „bestimmungslose Tautologie von Farbe und Fläche“1 hat dem ernstlich nichts entgegenzusetzen. Aber lässt der Blick sich auf die Vertikale ein, und damit sozusagen definitorisch auf Instabilität, dann erntet er Früchte der Synthese, die dem ersten, architektonisch-globalen Blick auf die Bildform verwehrt bleiben mussten: Im zentimeterweisen vertikalen Voranschreiten assoziiert und dissoziiert sich das Leer-Stabile der Fläche mit de3m Reich-Instabilen des chromatischen Verlaufs. Das Glück horizontaler Versöhnung blüht auf in Momenten tonlicher Nähe oder komplementärer Kontraste: Stationen eines prinzipiell unendlichen Zuges durch eine (künstliche) Welt der Farbe, der in keinem der Bilder seinen Zielpunkt findet. Und dies haben die vier rein horizontal zu lesenden Arbeiten dieses Katalogs mit den übrigen gemein: Die homogene Farbfläche ist nie Ausgangs- oder Endpunkt des chromatischen Abenteuers. Neben Fällen hoher Dissoziation mögen Fälle großer „tonaler“ Nähe stehen; immer aber bleibt sie fairer Partner im Spiel von Ruhe und Unruhe, von hoher Allgemeinheit und reicher Besonderheit, nie setzt sie die Norm oder definiert das zu erreichende Ziel.

 

Lesearten

 

Unvermeidlich, dass man Christiane Richters Bilder nicht nur systematisch, sondern auch historisch liest. Wir wollen nicht nach den Sternen greifen und von Newman oder Rothko reden (dessen vertikaler, „organischer“ Bildaufbau die Künstlerin ermutigt haben dürfte), aber an der „innereuropäischen“ Polarität von seriell verfahrenden, Form und Farbe möglichst aus einer Formel generierenden konstruktivistischen Positionen (z.B. R. P. Lohse) und einer chromatischen Malerei aus dem Umkreis von Zero und Nul (Jochims, Verheyen) führt kein Weg vorbei. Suggeriert doch die serielle Anordnung der acht quadratischen, stets auf gleiche Art zweigeteilten Bilder in diesem Katalog eine Affinität zu den Glückshoffnungen der Konstruktivisten, eine universale Bildsprache aus der Rationalisierung und damit „Objektivierung“ ihrer Elemente zu begründen. Und auch die übrigen Arbeiten des Katalogs mit ihrer fast durchgehend „rationalen“ Teilung der Bildflächen scheinen in diese Richtung zu deuten.

Aber man erkennt rasch die eigentümliche, dialektische List, die hier am Werke ist. Gerade im konstruktivistisch-seriellen Auftritt der Bilder wird noch einmal schlagend deutlich, was schon der Wechsel der Leserichtungen zeigte: Mit keinem Bild endet die Reise; kein Element setzt die Norm, den Anfang oder das Ende; die Welt der Farben in ihren Assoziierungen oder Dissoziierungen ist nicht zu schließen. Veit Loers hat das schon 1989, anlässlich der ARS VIVA-Ausstellung, an der auch Christiane Richter teilnahm, formuliert: „Die geometrische Abstraktion ist nur dann aktuell, wenn sie lügt, d.h. wenn sie den einstigen utopischen Geist der Moderne verdreht: nicht des Spieles wegen, sondern um eine eigene existentielle Stellung zu beziehen.“2

Fläche aus der Farbe geboren als fluktuierende, sich reflektierende Zeit“, „Oszillation zwischen begrenzt und unendlich: straffe Vieldeutigkeit, bewegte Ruhe“ – so charakterisierte Raimer Jochims in der 60er Jahren seine chromatische Malerei – Bestimmungen, wie wir sie fast identisch beim ersten Leseversuch von Christiane Richters Bildern gewonnen haben.3 Aber Jochims´ chromatische Entwicklungen haben ein Zentrum oder ein ziel, und wenn er Bildtafel zerschneidet und vertauscht wieder zusammensetzt, so daß Anfang und Ende aufeinanderstoßen („Chromatische Zweiflächen“), dann zeigt sich im Schnitt gerade die harmonische Gesinnung: Der Betrachter rekonstruiert im Kopf den ursprünglichen Aufbau und stellt damit freiwillig oder unfreiwillig einen Kreislauf her.

Wie also erst zwei durchgeführte Leserichtungen in fruchtbarer Konkurrenz die spezifische Verfassung von Christiane Richters Bildern erschließen, so tun es analog zwei konkurrierende (historische) Lesearten: Beide verlieren aneinander die Sicherheit des Kunstentwurfs, der Welt- oder Gesellschaftsentwurf sein will; sie öffnen sich auf ein Drittes hin.

 

Leseaufgabe

 

Dies Dritte liefert kein neues Paradigma vom Anspruch und der Tragweite der beiden anderen. Aber es bleiben Chance und Aufgabe des Lesens in eine Weise, wie sie Jef Verheyen 1968 hellsichtig formulierte: „ Farbe ist aktiv – physiologisch oder psychologisch – oder beides zugleich. Farben sind niemals ruhig, stets indifferent in ihrer Erscheinungsform. Sie erscheinen und verschwinden – wie ein Regenbogen. Für mich gehören die virtuellen Gedanken derselben Kategorie an; sie sind nicht irrealer als ein Regenbogen; und die Empfindungen, die man dabei hat, bleiben an Imaginäres gebunden.“4

 

Klaus Heinrich Kohrs

 

1 Raimer Jochims, zit. nach Bernhard Kerber, prinzip vertikal, Europa nach 1945, Kat. Galerie Teufel, Köln 1980, 27.

2 Kat. ARS VIVA 89/90, Hrg. Kulturkreis im BDI, 7.

3 Kerber, ebd., 28.

4 Kat. Jef Verheyen, Kunstmuseum Düsseldorf, 1973, 34.