In den Arbeiten von Christiane Richter ist Erfahrung äußerer Wirklichkeit abwesend: ihre abstrakten Farb-Montagen werden nur durch die Titel (Deutschlandbild; We Love You; Porta del Mundo; Himmel mit Flügel) in einen Assoziationsraum gestellt, ohne eine symbolische Deutung zuzulassen. Von den sie umgebenden Arbeiten dieser Ausstellung her gesehen, sind sie wie Kristallisationspunkte, oder Leerstellen, in denen alle Erwartungen, die wir in fotografische Abbilder stellen, enttäuscht werden – obwohl, oder gerade weil sie reine Fotografien sind. Auch in diesen Bildern ist alles enthalten, was an Erinnerungsmöglichkeiten im Medium vorhanden ist: jede Komponente des gespeicherten Wissens ist das. Fotografierte Farbflächen, ausschnitte aus Wirklichkeitsbildern, die wir an der Körnung erkennen, am Lichteinfall, in weinigen Fällen auch an den Einsprengseln äußerer Wirklichkeit. Wir finden in ihnen Entscheidungen, die von der Handhabung des Apparates und von den im Farbfilm gespeicherten Möglichkeiten abhängen; das verschwimmende Ende eines Filmstreifens vom Schwarz über das Rot und Gelb ins reine, leere Weiß gehend. Wir finden Farbflächen, die durch den Prozess der Belichtung des Papiers entstehen: die Kontrolle der Belichtungszeit, den durch den Zeitfaktor sich ergebenen Farbwert. Vom Schwarz der kürzesten Zeit, zum Weiß der längsten Dauer, sind alle Werte, die im Papier, gespeichert sind, abrufbar. In diesen Arbeiten sind latent alle Bilder enthalten, die vorstellbar sind: unsere Erwartungen in den Wirklichkeitsgehalt von Fotografie, unsere Sehnsucht nach der Bestätigung des Erinnerten als wirkliches, wird als Frage an uns gestellt.

Christinie Frisinghelli